Vom Schiff auf die Parkbank – Die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft

„Be like water / Still and violent / Be ferocious, soft and silent / Discard your fears / You don’t need them / Be couragiest throughout the seasons“

(Sei wie Wasser / Still und gewaltig / Sei wild, weich und leise / Wirf deine Ängste über Bord / Du brauchst sie nicht / Sei mutig zu jeder Zeit)

Ängste über Bord zu werfen, gehört wahrlich nicht zu den Stärken von Marc, um den sich das Buch dreht. Die meisten, die dem Endzwanziger begegnen, sehen in ihm keinen Buchhelden, in seinem Leben keinen Stoff, der öffentliches Interesse weckt.

Marc war obdachlos, als ihm Katja Hübner im Mai 2017 begegnete. Tag für Tag ging sie an seiner Parkbank auf einer Hundewiese im Hamburger Schanzenviertel vorüber. Doch im Gegensatz zu den allermeisten Mitmenschen sah sie nicht weg. Eines Tages sprach sie Marc an, als er auf der Wiese lag und in den Himmel starrte. Er bat um eine Zigarette und mit diesem kurzen Dialog begann eine Beziehung, die sich zur Freundschaft entwickelte und vermutlich Marcs Leben rettete. Dabei können zwei Menschen kaum unterschiedlicher sein. Katja führt ein glückliches Familienleben, arbeitet als erfolgreiche Grafikerin in der Musikbranche, beispielsweise mit Udo Lindenberg eng zusammen. Marc lebte nahezu anonym, ohne Dach über dem Kopf und soziale Bindungen.

Katja besuchte Marc fortan täglich und brachte ihm Essen, besorgte auch Jacken, Decken oder Schlafsäcke. Marc ließ die meist kurzen Begegnungen mit sich geschehen, gelegentlich ergaben sich flüchtige Gespräche. Stets bedankte er sich, doch meist war er kurz angebunden. „Okay, danke, ciao!“ – diese drei Worte waren mehr als eine höfliche Abschiedsfloskel. Sie sind auch sein Signal, dass die Grenze der Annäherung erreicht ist und es für Katja Zeit wird, zu gehen.

Marcs Lebensumstände zu verstehen, erforderte erst einmal, herauszubekommen, wer er eigentlich ist. Geschickt nutzte Katja die Aufregung um den G20-Gipfel, der im Juli 2017 ganz in der Nähe auf dem nahegelegenen Messegelände stattfand. Katja lockte Marc aus der Reserve, indem sie ihn auf die anstehenden Turbulenzen aufmerksam machte. Er könnte schließlich in Schutzhaft geraten und dann bräuchte sie, um ihn zu finden, seinen Namen. Mit dem Wissen um seine Identität war Marcs Facebook-Profil schnell entdeckt, wenn es auch seit zwei Jahren keine Aktualisierung erfuhr. Damit war das Geheimnis um seine Herkunft gelüftet. Katja erfuhr nicht nur, wo er aufgewachsen ist, sondern entdeckte auch Angehörige, seine Mutter und seinen Bruder.

Ausdauernd bemühte sich Katja um materielle Unterstützung für Marc und ein Obdach, schließlich rückte der Winter zusehends näher und die Sorge um seine Gesundheit und sein Leben, das in der kalten Jahreszeit akut bedroht war, wurde immer größer. Gleichzeitig versuchte sie, den Kontakt zur Familie herzustellen. Ihre Beharrlichkeit wurde belohnt. Aus den einzelnen Puzzleteilen entstand ein Bild von Marcs Leben, das sie nicht erwartet hatte. Sein scheinbares Gescheitertsein hatte nicht vordergründig wirtschaftliche oder soziale Gründe, sondern war offensichtlich einer medizinischen Diagnose geschuldet: Marc lebt mit einer schizophrenen Psychose.

Je tiefer sich Katja mit dieser Erkrankung auseinandersetzte, umso mehr verstand sie, wie auch die Leser ihres Buches, warum Marc ist, wie er ist. Warum er bei Wind und Wetter auf seiner Bank ausharrte und seine Kleidung nicht wechselte. Dass Gewohnheiten und Rituale ihm Sicherheit geben, so abwegig sie auf andere auch wirken. Dass seine schmuddelige und durchnässte Jacke sein Schutzmantel war, ohne den er sich hilflos fühlte. Sein gewohntes Umfeld im Park und immer gleiche Abläufe gaben ihm Orientierung, die Bank war sein Rückzugsort, sein Zuhause.

Der Sänger der Punkband, zu deren Repertoire das eingangs erwähnte Lied gehörte, war Marc. Zwei Jahre vor der ersten Begegnung mit Katja führte der junge Mann ein Leben, das ihm wohl die wenigsten zutrauen, die ihn nur von seiner Parkbank kennen. Sein Schiff geriet dann in stürmische Gewässer, aber es sank nicht, weil er Unterstützung erhielt, die zu suchen er selbst nicht im Stande war. Wie es mit Marc weiterging, kann in Katja Hübners Buch erlesen werden, das mehr ist als eine Geschichte über Freundschaft und Obdachlosigkeit. Es ist eine Werbung dafür, Mitmenschen nicht vorschnell in Schubladen zu stecken. Und es belegt, dass sich Probleme lösen lassen, wenn wir die Augen vor ihnen nicht verschließen.

Katja Hübner: Okay, danke, ciao! Eine Geschichte über Freundschaft und Obdachlosigkeit. – München: Heyne, 2021. ISBN 978-3-453-27292-7

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